S-Bahn München - Einsatzgebiet der Baureihe 420/421

München

Die Baureihe 420/421: Eine bayerische Symbiose aus Tradition und Moderne in weiß-blau

Die S-Bahn in München
Wie im Leben, so geht es auch bei der S-Bahn mal drunter und drüber. Gerade die Münchener S-Bahn blieb davon nicht verschont. Zumindestens das planmäßige Auf und Ab zwischen der Donnersberger- und Hackerbrücke ist aber so gewollt. Das Kreuzungsbauwerk fädelt die Gleisverbindung vom Münchner Hauptbahnhof elegant in die Stammstrecke in Richtung Westen ein. An diesem Tag im Oktober 2000 war es bereits nur noch mit etwas Glück zu schaffen zwei weiß-blaue 420er in dieser Konstellation so zu erwischen. 3 Jahre später war es schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Foto: Dirk Mattner

Nur noch wenige Tage und in München geht eine Epoche in ihrer Verkehrsgeschichte zu Ende.

Die Baureihe 420 verabschiedet sich am 3.Dezember 2004 mit dem letzten regulären Betriebsfahrt, und am 4.Dezember dann endgültig mit einer Sonderfahrt durch den Stammstreckentunnel von ihren Fahrgästen.
Viele werden das Ereignis höchstwahrscheinlich nicht einmal bemerken. Die Baureihe 420, die noch knapp 4 Jahre vorher allgegenwärtig war, ist bereits seit längerem vor ihrem Nachfolger, dem ET423, in den Hintergrund getreten. Zuletzt war der 420 mit noch sechs im Einsatz befindlichen Einheiten nur mehr ein Phantom, das jeden Werktag kurzzeitig im Morgengrauen auf den Strecken des Münchner Westens (S4, S8 oder S1) auftauche um dann schnell wieder in den Betriebsbahnhöfen zu verschwinden. Etwas greifbarer schien die Existenz der ET420 an jedem Nachmittag eines Werktags zu sein. Als HVZ-Verstärker belebten die dienstältesten 420er Deutschlands das Geschehen auf der S8 zwischen Ostbahnhof und Olching. Hier konnte man noch einmal die Baureihe 420 fast durchgehend im 20 Minuten Takt antreffen.

In Anbetracht des Stellenwerts den die Baureihe 420 in den Jahren 1971 bis zur Jahrtausendwende in München genoß, war ihre Bedeutung im letzten Betriebsjahr kaum noch wahrnehmbar. Etwas ungläubig bestaunen alle die Entwicklung der letzten Jahre, die das Zeitalter der Münchner ET420 noch in Erinnerung haben.
Die Baureihe 420 in ihrer sauberen kieselgrau-blauen Lackierung, war für die Münchner mehr als nur irgendein Verkehrsmittel. Die zeitlos modern wirkenden Fahrzeuge mit ihrer enormen Leistungsfähigkeit und ihrem ganz eigenen Charme, waren eine der neuen Errungenschaften die durch die Olympischen Spiele der bayerischen Landeshauptstadt zu gute gekommen waren. S-Bahn und U-Bahn hatten der Stadt eine neue, verbesserte Lebensqualität gebracht. Mit ihnen fuhr man nicht nur zur Arbeit und zum Einkaufen in die Innenstadt, die sich nach den abgeschlossenen Tunnelbauarbeiten attraktiver als je zuvor präsentierte.

Mit S- und U-Bahn fuhr der Münchner auch im besten Abendgewand ins Theater und in die Oper. Die Baureihe 420 als Limousine für Jedermann der zur abendlichen Kulturveranstaltung ausgeht - das war kein Mythos. Selbst in unzähligen Stadtführern die in allen möglichen Sprachen herausgegeben wurden machte man den München Besucher auf diese Besonderheit des Münchner Lebensgefühls aufmerksam. Das wohl auch um zu zeigen, dass der Münchner Nahverkehr nicht nur sehr modern, sondern in jeder Hinsicht besonders sicher war - auch zur fortgeschrittenen Stunde.
Keine Frage das dies alles bei den Münchnern den Stolz ausmachte, der eben auch die S-Bahn mit ihren Fahrzeugen einschloß.
Die S-Bahn erwies sich als zuverlässiges Verkehrssystem, das den Lebensstandart erhöhte und mit zum Motor eines rasanten Aufstiegs Münchens zur wirtschaftlich und kulturell bedeutenden "Isarmetropole" wurde.

Anders als in den klassischen S-Bahn Städten Berlin und Hamburg, bei denen aufgrund ihrer großen Stadtflächen die S-Bahn eher die Aufgaben eines reinen innerstädtisches Verkehrsmittel übernehmen, verbindet die S-Bahn Münchens in einem viel größeren Umfang Stadt und Umland miteinander. Ein weiterer Baustein in der Erfolgsgeschichte der blau-weissen Triebzüge: Die Verknüpfung des Großraums Müchenen zu einem bedeutenden Ballungsraum.
In den Zeitungsannoncen erschienen immer öfters Sätze wie "Grundst. mit nähe zur S-Bahn" oder "Doppelhaush., Garage, Garten, 5 Min z. S-Bahn", welche die Bedeutung dieses Verkehrsmittels nochmals unterstrichen. Eine Bedeutung die sich in Mark und Pfennig ausrechnen ließ. Die Grundstückspreise entlang der S-Bahn Linien schwangen sich in kurzer Zeit in ungeahnte Höhen. Das Kunstwort "S-Bahnnähe" hat bis heute für Immobilienmarkler einen besonders schönen Klang. Auch für sie musste das markante Summen der Elektromotoren gleichsam als Symphonie empfunden worden sein. Doch das galt sicherlich auch für die meisten staugeplagten Pendler, die bald schon jeden Morgen ihren Stammplatz auf roten Kunstledersitzen einnahmen und traumwandlerisch ihre Jackets an den Kleiderhaken darüber aufhingen um gleich zur Tageszeitung zu greifen.

"Die S-Bahn" und das war eben auch zumeist die Baureihe 420 war der tägliche Begleiter von abertausend Münchnern. Der Wiedererkennungswert dieser Institution war so hoch, das die S-Bahn selbst bei Film und Fernsehen als authentische Münchner Kulisse stets willkommen war. Wer sich die bekannten Krimiserien aus München, sei es "Tatort", "Der Alte", "Der Fahner" oder der Exportschlager "Derrick" aus jenen Jahren anschaut, dem wird früher oder später ein zumeist weiss-blauer Triebzug mit seinem unverwechselbaren Klang begegnen. Die S-Bahnen erschienen nicht deshalb so regelmäßig, weil in München an anderen Drehorten mangelte, nein, sie waren einfach das Alltagsbild dieser Stadt und auf die Idee sie auszublenden zu versuchen, wäre wohl kein Regisseur gekommen.

Anders dagegen heute: Die Geschichte der ET420, die zumeist eine Erfolgsgeschichte war, scheint aus dem kollektiven Bewusstsein der Münchner ausgeblendet zu sein. Gefördert wurde das durch den Entscheidungen bei Bahn und Staat. Bereits in den 80er Jahren gab die DB in München ein Stück eigene Identität auf als vom gelungen Farbkonzept "kieselgrau-blau" abgerückt wurde. Die Münchner durften noch vor Beginn des S-Bahnzeitalters Anfang 1970 über das Farbkonzept abstimmen und sprachen sich mit großer Mehrheit für das naheliegenste aus: Weiß und blau.
Das dies plötzlich mit Weisung aus Frankfurt, also "von ganz oben", keine Geltung mehr hatte, war der erste Rückschlag.
Das halbherzige Modernisierungsprogramm, das in den 90er Jahren anlief, konnte den guten Ruf der früheren Jahren leider nicht mehr ganz gerecht werden. Dabei leistete die S-Bahn auch im dritten Jahrzehnt enorme Arbeit und setze z.B. mit den besonderen Flughafenzügen sogar neue Glanzlichter. Dennoch: Statt weiter auf den in den ersten zwei Jahrzehnten erworbenen Kredit bei den Münchnern aufzubauen, wurde das System in seiner Substanz sich selbst überlassen. Das bereits Mitte der 80er neue Investitionen insbesondere in die Stammstrecke nötig gewesen wären um die hervorragende Leistungsfähigkeit mit der wachsenden Nachfrage halten und ausbauen zu können, zeigen die Folgen welche die Münchner heute mit ihrer S-Bahn bis weit über das Jahr 2010 noch tragen müssen.


Es sind die Zeichen einer verpassten Chance, die sich nun in dem Abtritt der Baureihe 420 manifestiert hat. Würde statt des permanenten Ausblendens jeglicher Vergangenheit, die Zukunft auf den Erfahrungen der besten Jahren aufbauen, so wäre die Gegenwart dieses Verkehrsmittels vielleicht nicht länger mehr so ernüchternd. Wenn man weiß welchen Stellenwert die S-Bahn bei ihren Münchnern einmal genoß, dann erkennt man erst das Verlorene. Die Hoffnung ist die, dass das Bewusstsein der Bedeutung der S-Bahn bei den Menschen vielleicht doch nochmals geweckt werden kann. Ein Umdenken bei den verantwortlichen Stellen und einen dennoch recht langen Weg zurück zu alten Stärken wären jedoch die Voraussetzung dafür.
Es würde aber endlich wieder das Schlagwort gelten: "S" lohnt sich!

Und da, wie beschrieben, das Bewusstsein für die (Erfolgs-)Geschichte der Münchner S-Bahn wieder erweckt und geschärft werden soll, sind die Seiten dieses Kapitel über den Einsatz der ET420 bei der Münchner S-Bahn diesem Ziel gewidmet.
Viel Spaß beim durchkucken.



Stand: 2004

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